L e s e p r o b e   " Im Schatten des Windes"
 
 
Im Schatten des Windes

 Der hier vorliegende Band kleinerer Erzählungen müsste eigentlich, wenn man es genau nehmen wollte,

 Litera-Tatouille heißen, denn um ein literarisches Ratatouille handelt es sich dabei wohl.

 Viele der 30 Erzählungen beschäftigen sich mit der Frage der Freiheit, der Emanzipation von vorgegeben Rollen: Das

 Schicksal selbst in die Hand nehmen, sei die Devise.

 Auch geht es um Menschen, die irgendwie etwas 'anders' sind als die meisten; sie sind gestrauchelt, weil sie

 irgendein Schicksal einmal aus der Bahn geworfen hat.

 "Im Schatten des Windes" ist ein Erzählband, der sich mit den vielfältigsten Themen auseinandersetzt – mit Kindern,

 mit Liebe, dem Alter, gar mit dem Tod - aber alle Geschichten sind durch eine Gemeinsamkeit verbunden: Eine

 hoffnungsbringende Brise Optimismus.

 

Was ich einmal werden wollte

 
 Als ich ein kleiner Junge war, wollte ich immer Schornsteinfeger werden, weil man da so dreckig herumlaufen darf.
 Mein Vater sagte: "Junge, werd Lehrer. Da hast du viele Ferien und immer Zeit für deine Frau und Kinder." Mein
 Vater sagte, es sei eine schöne Sache, Kindern etwas beizubringen. Der Beruf des Pädagogen sei ein schöner
 Beruf.
 Ich fand mein Vater hatte Recht und beschloss, Pädagoge zu werden. Aber ich wurde kein Pädagoge ... da kam
 etwas dazwischen.
 Als ich dann auf die Universität ging, las ich viele schlaue Bücher, aber das, was ich las, wollte gar nicht in meinen
 Kopf hinein. Ich interessierte mich für Anna und Bärbel, doch wozu ich einmal Anaphern und Hyperbeln

 gebrauchen könnte, wusste ich nicht.

 
 Eine Studentin, die mein Irren durch die Seminare bemerkte, riet mir, Betreuer zu werden. Als Betreuer könnte man
 Menschen helfen, alten, wenn sie klapprig sind, und jungen, wenn sie wirre Ideen im Kopf haben. Wenn ich schon
 nicht Lehrer werden konnte, so wollte ich wenigstens Menschen helfen, die wirre Ideen haben.
 Und so beschloss ich Betreuer zu werden, doch Betreuer wurde ich nicht ... da kam etwas dazwischen.
 
 Als ich das Studium schon längst abgebrochen hatte, fuhr ich eines Tages mit dem Fahrrad übers Land. An einer
 Eiche setzte ich mich ins Gras und lehnte mich an den Stamm. Plötzlich sah ich am Himmel, in weiter Ferne, einen
 roten Ballon wie einen langsamen Pinselstrich über eine blaue Farbleinwand ziehen.
 
 Das werde ich einmal machen, sagte ich mir. Ich werde Geld sparen und mir einen Heißluftballon kaufen. Ich werde
 mit Touristen hoch über Wiesen und Wälder fahren und damit mein Geld verdienen. Doch ich wurde kein
 Ballonfahrer, denn wieder kam etwas dazwischen: Woher sollte ich das Geld hernehmen, um mir einen Ballon
 kaufen zu können?
 
 Nur, was sollte ich dann werden, wenn nicht Pädagoge, Betreuer oder Ballonfahrer?
 Ich wusste es nicht.
 
 Ich war zum Taugenichts geworden, hatte es im Leben zu nichts gebracht. Ach wäre ich doch jetzt nur Lehrer, wie
 es sich mein Vater damals für mich erhofft hatte. Ich lag auf der Wiese, im Schatten des Windes, ließ mir von den
 Vögeln ein Lied singen und träumte vor mich hin. Im Traum hatte ich eine Idee: Ich würde Geschichten schreiben,
 Geschichten für kleine und für große Menschen, Geschichten zum Schmunzeln, Geschichten zum Nachdenken.
 
 So kaufte ich mir eine Schreibmaschine und schrieb Geschichten. Jetzt habe ich den Beruf des Pädagogen, wenn
 ich in eine Welt eintauche, in der ich mit Kindern spiele, lache und ihnen etwas beibringe; ich werde zum Betreuer,
 wenn ich mich zu ihm ernenne, wenn ich mir beim Schreiben Kraft meiner Vorstellung einbilde, ich wäre tatsächlich
 ein Betreuer und könnte Menschen mit wirren Ideen helfen.
 
 Und Ballonfahrer bin ich allemal: Wenn ich meine Geschichten schreibe, schwebe ich wie ein Traum über die Städte
 und schaue auf die Menschen herab, als seien es Menschen meiner Spielzeugwelt, die ich erschaffen habe.
 
 So übe ich mal diesen, mal jenen Beruf aus, und darum schreibe ich so gerne Geschichten, weil mir kein Beruf
 langweilig wird, und weil ich keinen Beruf bis an mein Lebensende ausüben muss. Denn ehe es mir zu langweilig
 
 wird, habe ich bereits den Beruf gewechselt und bin in das nächste Gewand geschlüpft. Natürlich, ganz so einfach
 ist das alles auch nicht ... manchmal kommt mir immer noch etwas dazwischen, und ich falle, wie ich in der
 Vergangenheit so oft gefallen bin. Aber ich habe begriffen, dass die wahre Lebenskunst darin besteht, einmal mehr
 aufzustehen als man gefallen ist ...